Kontrolliertes Trinken vs. Abstinenz
Kontrolliertes Trinken oder Abstinenz bei der MPU? Wann welche Strategie akzeptiert wird.
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Zwei Wege — eine Frage der Ausgangslage
Bei der Vorbereitung auf eine Alkohol-MPU stehen Betroffene vor einer grundlegenden Entscheidung: Sollen sie vollständig auf Alkohol verzichten (Abstinenz) oder ist es möglich, ein kontrolliertes, maßvolles Trinkverhalten glaubhaft darzulegen? Diese Frage ist nicht trivial, denn die falsche Strategie kann zum Durchfallen bei der MPU führen.
Die Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) unterscheiden klar zwischen zwei Ausgangssituationen: Liegt eine Alkoholabhängigkeit vor, ist Abstinenz der einzig gangbare Weg. Bei einem schädlichen Gebrauch oder riskanten Konsum ohne Abhängigkeitsdiagnose kann hingegen auch kontrolliertes Trinken eine akzeptable Lösung sein.
Diese Unterscheidung hat einen medizinischen Hintergrund: Bei einer diagnostizierten Alkoholabhängigkeit ist das Belohnungssystem des Gehirns nachhaltig verändert. Ein 'nur ein bisschen trinken' funktioniert bei Abhängigkeit langfristig nicht — die wissenschaftliche Evidenz zeigt eindeutig, dass kontrolliertes Trinken bei Abhängigkeit in der weit überwiegenden Mehrheit der Fälle zum Rückfall in alte Muster führt.
Für die MPU bedeutet das: Die erste und wichtigste Frage lautet nicht 'Will ich abstinent leben?', sondern 'Liegt bei mir eine Abhängigkeit vor?' Die ehrliche Beantwortung dieser Frage bestimmt den richtigen Weg.
Wann ist Abstinenz zwingend erforderlich?
Abstinenz ist bei der MPU in folgenden Fällen praktisch alternativlos:
Bei einer diagnostizierten Alkoholabhängigkeit nach ICD-10 (F10.2) oder ICD-11: Wenn mindestens drei der sechs Abhängigkeitskriterien erfüllt sind (starkes Verlangen, Kontrollverlust, Entzugserscheinungen, Toleranzentwicklung, Vernachlässigung anderer Interessen, Konsum trotz schädlicher Folgen), ist Abstinenz die einzige von Gutachtern akzeptierte Strategie.
Bei sehr hohen Promillewerten ab etwa 2,0 Promille: Wer mit solch hohen Werten noch ein Fahrzeug führen konnte, zeigt eine massive Alkoholgewöhnung, die auf eine Abhängigkeit oder zumindest einen schwerwiegenden Missbrauch hindeutet. Gutachter werden in diesen Fällen kontrolliertes Trinken kaum als glaubhaft akzeptieren.
Bei wiederholten Alkoholauffälligkeiten: Wer mehrfach mit Alkohol im Straßenverkehr aufgefallen ist, hat bereits gezeigt, dass das bisherige Trinkverhalten nicht kontrolliert war. Ein Versprechen von 'jetzt trinke ich kontrolliert' wirkt unter diesen Umständen wenig überzeugend.
Bei früherer Entziehungsbehandlung oder Suchttherapie: Wenn Sie bereits eine stationäre oder ambulante Entzugsbehandlung absolviert haben, wird dies als starkes Indiz für eine Abhängigkeit gewertet. Ein Rückkehr zum kontrollierten Trinken wäre ein Widerspruch zur vorherigen Behandlung.
Abstinenz wird in der Regel über sechs bis zwölf Monate durch forensisch-toxikologische Nachweise belegt — mittels EtG im Urin oder Haaranalysen.
Wann kann kontrolliertes Trinken akzeptiert werden?
Kontrolliertes Trinken kann bei der MPU eine akzeptable Strategie sein, wenn folgende Voraussetzungen erfüllt sind:
Keine Abhängigkeitsdiagnose: Sie haben keinen Kontrollverlust erlebt, keine Entzugserscheinungen gehabt und keine der typischen Abhängigkeitsmerkmale gezeigt. Ihr Alkoholproblem lag im Bereich des schädlichen Gebrauchs oder des riskanten Konsums.
Moderate Promillewerte: In der Regel wird kontrolliertes Trinken eher akzeptiert, wenn der Promillewert bei der Trunkenheitsfahrt unterhalb von etwa 2,0 Promille lag. Ab diesem Wert wird eine Alkoholgewöhnung unterstellt, die kontrolliertes Trinken unglaubwürdig macht.
Erstmalige Auffälligkeit: Bei einer einmaligen Trunkenheitsfahrt ohne weitere Vorgeschichte ist kontrolliertes Trinken eher vertretbar als bei wiederholten Delikten.
Kontrolliertes Trinken bedeutet bei der MPU nicht 'so trinken wie vorher'. Es bedeutet: klare, selbst gesetzte Regeln einhalten. Typische Regeln sind: maximal zwei Standardgläser pro Trinkanlass, nicht häufiger als zwei- bis dreimal pro Woche, mindestens zwei alkoholfreie Tage pro Woche, niemals Alkohol bei Stress oder negativen Emotionen und absolute Trennung von Alkohol und Fahren.
Der Gutachter erwartet, dass Sie diese Regeln nicht nur benennen, sondern überzeugend darlegen können, wie Sie sie im Alltag umsetzen und warum Sie heute in der Lage sind, sich daran zu halten.
Risiken des kontrollierten Trinkens bei der MPU
Kontrolliertes Trinken birgt bei der MPU durchaus Risiken, die Sie kennen sollten:
Höhere Anforderungen an die Glaubwürdigkeit: Sie müssen dem Gutachter überzeugend darlegen, warum Sie heute kontrolliert trinken können, obwohl dies in der Vergangenheit nicht funktioniert hat. Das erfordert eine tiefe Selbstreflexion und nachvollziehbare Erklärungen.
Kein objektiver Nachweis: Anders als bei der Abstinenz (die durch EtG-Tests belegt wird) gibt es keinen Labortest, der 'kontrolliertes Trinken' beweist. Sie stützen sich allein auf Ihre Darstellung im psychologischen Gespräch. Das macht die Argumentation anspruchsvoller.
Subjektive Bewertung durch den Gutachter: Verschiedene Gutachter können die Plausibilität von kontrolliertem Trinken unterschiedlich bewerten. Was der eine Gutachter akzeptiert, kann einem anderen nicht ausreichen.
Alter als Faktor: Erfahrungsgemäß bewerten Gutachter kontrolliertes Trinken bei Personen über 50 Jahren skeptischer, da etablierte Trinkgewohnheiten in diesem Alter als besonders schwer veränderbar gelten.
Ein pragmatischer Rat: Wenn Sie unsicher sind, ob kontrolliertes Trinken in Ihrem Fall akzeptiert wird, ist Abstinenz der sicherere Weg. Ein Abstinenznachweis ist ein starkes, objektives Argument, das schwer zu entkräften ist. Kontrolliertes Trinken hingegen erfordert eine überzeugende persönliche Argumentation — und die gelingt nicht jedem.
Lassen Sie sich von einem erfahrenen Verkehrspsychologen beraten, welcher Weg in Ihrer individuellen Situation am erfolgversprechendsten ist.
Praktische Empfehlungen für beide Wege
Unabhängig davon, ob Sie sich für Abstinenz oder kontrolliertes Trinken entscheiden, gelten einige grundlegende Empfehlungen:
Für den Weg der Abstinenz: Beginnen Sie frühzeitig mit dem Abstinenzprogramm — idealerweise direkt nach dem Führerscheinentzug. Dokumentieren Sie Ihre Abstinenz durch zugelassene forensisch-toxikologische Labore. Nutzen Sie die Zeit für eine ehrliche Auseinandersetzung mit Ihrem Trinkverhalten, gegebenenfalls mit therapeutischer Unterstützung. Suchen Sie sich ein soziales Umfeld, das Ihre Abstinenz unterstützt.
Für den Weg des kontrollierten Trinkens: Führen Sie ein Trinktagebuch, in dem Sie jeden Trinkanlass dokumentieren — Menge, Art des Getränks, Situation, Stimmung und Grund. Definieren Sie klare, konkrete Regeln und halten Sie sich konseqünt daran. Identifizieren Sie Risikosituationen, in denen Sie früher übermäßig getrunken haben, und entwickeln Sie Strategien, wie Sie heute anders damit umgehen. Seien Sie sich bewusst, dass die absolute Trennung von Alkohol und Fahren eine unverrückbare Grundregel sein muss.
Für beide Wege gilt: Nehmen Sie professionelle Hilfe in Anspruch. Ein Verkehrspsychologe oder eine Suchtberatungsstelle kann Ihnen helfen, Ihren individuellen Fall realistisch einzuschätzen und sich optimal auf die MPU vorzubereiten.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Rechts-, medizinische oder therapeutische Beratung.
Quellen und weiterführende Informationen
- Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt): Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung (Stand 01.06.2022) - Bußgeldkatalog.org: Kontrolliertes Trinken bei der MPU (bussgeldkatalog.org) - MPU-Akademie: Kontrolliertes Trinken MPU — Voraussetzungen und Chancen (mpu-akademie.eu) - MPU-Vorbereitung.com: Kontrolliertes Trinken vs. Abstinenz (mpu-vorbereitung.com) - Sedura-MPU: Kontrolliertes Trinken für die MPU — oder lieber Abstinenz? (sedura-mpu.de) - Bußgeldkatalog.de: Kontrolliertes Trinken (bussgeldkatalog.de) - Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS): Empfehlungen zum Umgang mit Alkohol (dhs.de)